Warum die eigentliche Katastrophe des CSD-Anschlags nicht das Attentat ist — sondern unsere Antwort darauf.
I. Das Gegenteil von Liebe
Eine 65-jährige Mutter aus Warschau steigt am Samstag, 25. July 2026, mit ihrer Tochter in den Zug. Ziel: Berlin. Anlass: der Christopher Street Day. Ein Fest der Freiheit, der Liebe, des Dazugehörens. Sie kommt nicht zurück. Ihre Tochter wird den Rest ihres Lebens Berlin mit einer einzigen Sekunde am Großen Tiergarten verbinden — 22 Uhr, ein weißer Kleinbus, Schreie, Blut.
29 weitere Menschen sind verletzt, mehrere schwer, kämpfen auf der Intensivstation der Charité um ihr Leben. Sie werden diesen Tag nie mehr los werden. Sie werden nie wieder unbeschwert irgendwo stehen, wo das Wort Liebe, Freiheit, Offenheit oder Berlin fällt.
Und der Täter? Abdul Ballout, 21, geboren in Berlin, aufgewachsen in Schöneberg. Ein junger Deutscher, der sich mit 21 eigentlich um Dinge wie Dating, Frisur, Sommerurlaub, Spotify-Playlist und seinen Job hätte kümmern sollen. Am Sonntagabend wirft er sich in die Kugeln des SEK. Ein sinnlos weggeworfenes Leben.
Denn sinnlos war diese Teat. Von allen Seiten betrachtet.
Er hat nichts verändert. Er hat nichts erreicht. Er hat kein Gesetz gekippt, keine Grenze verschoben, keine Community zerbrochen. Die CSD-Partys liefen am selben Abend weiter. Berlin läuft weiter. Aus der Perspektive einer Terrororganisation ist er eine Randnotiz — ein verbrannter Spieler, den man nachrekrutiert, bevor die Woche um ist.
Das ist grauenvoll. Das ist entsetzlich. Aber es ist nicht das Schlimmste.
II. Das Schlimmste kommt jetzt. Durch uns.
Das Schlimmste ist, dass all diese Opfer umsonst gewesen sein werden. Weil wir - die Berliner Gesellschaft, die Politik, die Medien, ich, du - genau das tun, was die widerlichen Leute hinter diesem Anschlag von uns wollen.
Wir sind zu Mitarbeitern einer Terrorzelle geworden.
Nicht aus bösem Willen. Aus Berechenbarkeit.
Wir folgen einem heimlichen, unheimlichen Skript: Die eine Seite fordert radikales Durchgreifen: härtere Strafen, mehr Kontrolle, Präventiv-Haft, weniger Fremde im Land. Die andere Seite fordert radikale Integration: mehr Bildung, mehr Prävention, mehr Verständnis. Beide Seiten glauben, sie diskutieren das richtige Thema.
Sie diskutieren das falsche Thema.
Denn die Leute, die einen 21-jährigen Schöneberg dazu bringen, friedliche Party-Menschen zu töten und sich direkt danach hinrichten zu lassen, hat einen einfachen Plan:
Sie wollen uns spalten. Und wir liefern. Zuverlässig.
Alle, die jetzt Angst haben, auf Großveranstaltungen zu gehen: liefern. Alle, die jetzt die Nachbarn anders anschauen: liefern. Jede Talkshow, die die gute alte Rechts-gegen-Links-Choreografie noch einmal aufführt: liefert. Wir sind hypnotisiert wie eine Herde. Wir tun, was von uns erwartet wird. Und die Drahtzieher lachen sich ins Fäustchen. Ihr magisches Wort ist "Destabilisierung". Und wer auch immer sie finanziert - das Geld war gut angelegt.
III. Die Frage, die keiner stellt: Wieso ist unsere Story so schlecht?
Wir diskutieren, wie man islamistische Gefährder schneller erkennt. Wir diskutieren nicht, warum es überhaupt gelingt, einem in Berlin aufgewachsenen jungen Mann so den Kopf zu verdrehen, dass er sich für eine völlig sinnlose Tat opfert.
Die Organisation im Hintergrund ist offenbar so mächtig, dass ihr das gelingt: einem intelligenten Berliner das Denken so umzuprogrammieren, dass er sein eigenes Leben (und das von 30 Menschen) wegwirft...für gar nichts. Sind deren Geschichten so stark, dass sie attraktiver sind als unser Lebens-Konzept, unser Stadt-Konzept? Oder ist unsere story so scheisse?
Es ist, wie Brecht einst schrieb: „Wenn das Kalb vernachlässigt ist, drängt es zu jeder schmeichelnden Hand, auch der Hand seines Metzgers.“
Das bringt uns zur eigentlichen Frage.
Nicht: Wie halten wir die nächsten "Gefährder" von der Straße? Sondern: Wie schaffen wir es, dass Menschen wie Abdul gar nicht erst zuhören, wenn solche Organisationen sie adressieren?
IV. Die Anekdote, die alles erklärt
Giada und ich haben einen jungen Bekannten, nennen wir ihn Ali: In Neukölln geboren, 20 Jahre alt, als wir ihn kennen lernten. Deutscher Pass, libanesische Eltern. Jungunternehmer, eigener Laden, ein paar Angestellte, große Pläne. Er will Erfolg. Er will eine Familie. Er will glücklich sein — ein durch und durch bürgerliches Programm.
Wir diskutieren über Gaza, Israel, die Welt. Und dann fällt der Satz:
„Ich bin kein Deutscher."
Ich frage: „Hast du keinen deutschen Pass?" Ali: „Doch. Aber ich bin kein Deutscher. Ich fühle mich nicht deutsch. Ich gehöre nicht zu diesem Land. Ich gehöre nicht zu euch."
Der Junge ist ein kleiner Spießer. Wenn um acht Uhr aufgemacht wird, wird um acht Uhr aufgemacht. Im Libanon würde er keine zwei Tage überleben. Er ist nicht religiös. Er weiß gar nicht, wozu er gehört — er weiß nur, wozu er nicht gehört: zu uns. Wer auch immer dieses "uns" ist.
Warum? Weil ihn Menschen (nette, freundliche, wohlmeinende Bio-Deutsche) in seinem Laden jeden Tag zwei- bis fünfmal daran erinnern. „Oh, Sie sprechen aber gut Deutsch." „Wo kommen Sie eigentlich her?" Freundlich gemeint, tödlich in der Wirkung. Jeder dieser Sätze ist ein kleiner Stempel: Du bist "Passdeutscher". Zweite Klasse. Kein inner circle. Du darfst mitspielen, aber die wahre Mitgliedschaft — die hast du nie in diesem Club.
Und ein stolzer junger Mensch dreht das irgendwann um. Ihr wollt mich nicht? Ich will euch auch nicht.
Wir müssen ehrlich zu uns sein: Es gibt nichts, was ein Mensch mit Migrationshintergrund tun, leisten, bieten kann, um wirklich und ganz "deutsch" zu sein. Unser National-Club ist so exklusiv, du darfst weder dunkle Hautfarbe, Akzent oder andere fremdländische Anzeichen haben, wenn du wahrhaft dazugehören willst. Wer's nicht glaubt, fragt einfach mal die Gründer von Biontech, die Spitzenspieler von FC Bayern oder Cem Özdemir.
Das ist unser Problem. Nicht der Islamismus. Nicht TikTok. Nicht der Mietwagen. Wir haben aufgehört, Menschen ein ehrliches Angebot zu machen.
Am Ende unseres Gesprächs mit Ali kam eine überraschende Wendung.
Ich frage ihn: „Was bist du denn eigentlich?"
„Ich weiß es nicht....Berliner, würde ich sagen." Und da leuchtet er auf. „Ja, Berliner bin ich auf jeden Fall. Und darauf bin ich stolz!"
V. Die Lösung liegt vor unseren Füßen
Da wurde mir klar: Das Angebot existiert längst. Wir haben es nur vergessen.
Berlin.
Berlin hat seit 1685 (dem Edikt von Potsdam) eine einzige, unschlagbare Kernkompetenz: die Kunst, Fremde zu Berlinern zu machen. Hugenotten, Böhmen, russische Emigranten, türkische Gastarbeitende, syrische Familien, polnische Bauarbeiter, amerikanische Startup-Gründer, Ukrainerinnen — sie alle sind hergekommen und wurden Berliner.
Nicht Deutsche. Berliner (und natürlich Berlinerinnen).
Da draußen, in Warschau, in Beirut, in Damaskus, in Kiew, in Tel Aviv, in Istanbul, weiß das jeder. Nach Berlin kannst du kommen und wirklich dazugehören. Nur wir, hier drinnen, haben es vergessen.
Und genau das ist unser Ausweg. Nicht mehr Kontrolle. Nicht mehr Grenze. Nicht mehr Abschottung. Sondern: ein klares, ehrliches, radikales Angebot der wahren Zugehörigkeit. Denn der Hauptgrund, warum junge Menschen radikale Gruppen (links, rechts, islamistisch, usw.) attraktiv finden ist: Gemeinschaft.
Und anscheinend machen die radikalen Gruppen einen guten Job beim Thema Gemeinschaftsbildung. Zugehörigkeit. Identitäts-Bildung. Und wir machen einen schlechten Job.
Wir müssen aufhören, uns damit zu spalten, dass wir über die Terroristen und Gefährder streiten. Wir sollten nicht über die anderen sprechen. Sondern über uns. Wie können wir unser Lebenskonzept, unser offenes, freies, friedliches Berlin attraktiver machen? Wir verbessern wir die Story so, dass alle mitmachen wollen - und können?
Ein Set von Grundwerten, das alle kennen, eine Hausordnung, die für alle gilt. Offenheit. Toleranz. Streitkultur. Kein Fanatismus. Keine Gewalt. Flexibilität. Neugier auf die anderen, das Fremde. Freude am Leben, nicht am Hass.
Wer das unterschreibt, ist drin. Ohne Wenn und Aber. Ohne erste, zweite, dritte Klasse. Ohne die Frage, wie der Nachname klingt oder dein Akzent.
Wir müssen unseren Club besser präsentieren und ein ehrliches Mitglieds-Angebot machen. Weil wir einen neuen Gesellschafts-Vertrag brauchen, den Menschen unterschreiben wollen. Einen, der attraktiver ist als das, was der IS auf TikTok anbietet. Attraktiver als das, was die AfD in Telegram-Gruppen verspricht. Attraktiver als das, was radikale Rattenfänger jeder Couleur an einsame 21-Jährige verkaufen.
VI. Berlin ist meine Religion
Wenn ihr wollt, nennt es Religion. Ich habe kein Problem damit. Ich meine damit nicht den einen Gott gegen den anderen Gott. Ich meine: Erzählung gegen Erzählung. Zugehörigkeit gegen Zugehörigkeit. Sinn gegen Sinn. Berlinismus gegen die anderen -ismen.
Der Islamische Staat, die AfD, die Manosphere, die Radikalen links und rechts, bieten einsamen jungen Menschen am Handy eine Erzählung an: Du bist Teil von etwas Großem! Du wirst gebraucht! Du bist wichtig! Was bieten wir? Wir sind mit unserer Erzählung zu leise. Weil wir uns geschämt haben, laut zu sein. Weil wir dachten, ein Angebot müsse subtil sein, um klug zu wirken.
Das war ein Fehler. Unser Fehler.
Berlin muss lauter werden. Berlin muss stolzer werden. Berlin muss ein Angebot machen, das ein 21-Jähriger Berliner Junge sofort versteht, wenn er um drei Uhr nachts auf sein Handy schaut. Ein Angebot, für das er die Propaganda-Kanäle bei TikTok weg-swiped. Ein Angebot, für das es sich lohnt aufzuschauen — vom Bildschirm zum Menschen gegenüber in der U-Bahn. Ein Angebot, dass ihm, dir, mir das Gefühl zurück gibt, dass wir alle dazugehören. Zur grössten und besten Story unseres Lebens. Die Story Berlin. Eine Weltstadt, die auf dem Weg in eine bessere Zukunft ist. Eine Stadt, wo man sich auf der Strasse erst beschimpft - und direkt danach anlächelt.
VII. Ich quatsche doch nur. Oder?
Wenn du mich jetzt fragst: "Schöne Sprüche. Aber was tust du konkret?", dann werde ich dir antworten: Ich mache positiven Populismus. Ich drängle alle in meiner Umgebung dazu, bei unserer Berlin Kodex Kampagne dabei zu sein. Ich gebe mit unserer Stiftung den Berlin Ausweis heraus - ein Ausweis, den alle beantragen können, die zu den Berliner Prinzipien stehen.
Und nein, ich weiß nicht, ob der Berlin Kodex die endgültige Antwort ist. Ich weiß nur, dass die Richtung stimmt. Und ich weiß, was garantiert nicht die Antwort ist: Neue Gesetze. Neue Gefährder-Paragrafen. Talkshow-Runden. Diskussionen, die einem Drehbuch folgen, das nicht wir geschrieben haben.
Wir müssen endlich aufstehen. Für unsere Stadt, die wir lieben. Es fühlt sich besser an, wenn du morgens aufstehst und nicht nur für dich arbeitest - sondern für Berlin. Es fühlt sich toll an, wenn du fremde Menschen auf der Strasse anlächelst und sie zurück lächeln. Oder, wie Ideal gesagt hat:
Ich fühl mich gut - ich steh auf Berlin.
VIII. Vier Sätze zum Mitnehmen
- Das Attentat war schlimm. Unsere Reaktion darauf ist schlimmer.
- Wer jetzt Spaltungs-Diskussionen zulässt, arbeitet für die Terroristen.
- Sicherheit gewinnt man nicht durch Kontrolle. Man gewinnt sie durch Zugehörigkeit.
- Berlin hat das beste Angebot der Welt. Es wird Zeit, dass wir es wieder aussprechen.
Berlin ist unser Club. Machen wir ihm Ehre.
Alexander S. Wolf ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung AusserGewöhnlich Berlin und Initiator des Berlin-Kodex — der Werte-Charta für eine offene, wehrhafte, freie HauptStadt Deutschlands.
Mehr Informationen findest Du auf der Seite vom BERLIN KODEX.