Deine Leerstellen

Es gibt Worte, die wir aus unserem Wortschatz gestrichen haben. Aus guten Gründen, so dachten wir: Stolz. Ehre. Ruhm. Berufung.

Worte, unter denen Generationen in die falsche Richtung gerannt sind, mit erhobener Faust und leeren Augen. Worte, für die Menschen gestorben sind, oft ohne zu wissen, wofür genau eigentlich. Wir haben sie hinter uns zurückgelassen wie alte Uniformen auf dem Dachboden. Und das war lange Zeit richtig.

Aber jedes gestrichene Wort hinterlässt eine Leerstelle. Und Leerstellen bleiben nicht leer. Etwas rutscht nach.

Was in unsere Leerstellen gerutscht ist, sehen wir jeden Tag in unseren social media accounts. Selbstoptimierung. Individualismus. Karriere, Reisen. Die neue Wohnung, der nächste Strand, die nächste Piste, die richtigen Schuhe, der Lambo, das Bali-Sabbatical, der Ayahuasca-Retreat in Peru. Wir haben Ehre gegen Experiences getauscht. Berufung gegen Bestellungen. Ruhm gegen Rabatt. Und morgens im Spiegel sehen wir hochfunktionale Klickmeister, die ihre gesamte Energie darauf verwenden, sich den nächsten Schuss zu holen - nur dass unser Stoff ein Turnschuh ist, der viertausend Euro kostet, oder ein Fernsehers, dessen Bild besser ist als die Wirklichkeit. Die Dealer unserer Zeit heissen Temu oder Amazon und liefern bis morgen früh.

Wir sind die bestinformierten Generationen aller Zeiten. Und die orientierungslosesten. Eine Vision? Haben wir nur als neue VR-Brille.

Die einsame Herrschaft des Ich

Das Perfide daran: Wir merken es erst, wenn wir angekommen sind. Der Bali-Urlaub liegt hinter uns, das Haus in Südtirol mit Infinity-Pool ist gekauft, der Porsche röhrt den KuDamm rauf und runter - und dann kommt der Moment, mit dieser einen Frage: War’s das jetzt? Das kann doch nicht alles gewesen sein. Je voller unser Leben wird, desto leerer sind wir.

Die untere Hälfte unserer Stadt schuftet sich krumm für den Samstagvormittagshoppingamok im Alexa, für ein paar neue Sachen bei Zara am Tauentzien, für ein Streaming-Abo, um das Wochenende mit US-Serien zu füllen. Die obere Hälfte fliegt zwischen Palma und Peru hin und her und sucht in Ashrams das, was sie in Zehlendorf irgendwie verloren hat. Am Ende sitzen beide Hälften auf dem Sofa und starren in dieselbe Leere ihrer Handy-Screens. Wir scrollen einsam durch das Leben anderer und warten auf einen gnädigen Tod - um uns wenigstens noch auf etwas wirklich Besonderes freuen zu können.

Wir haben uns ein goldenes Kalb gebaut, und wir beten es an. Das Kalb ist ein kleiner Bildschirm, der dieses eine Wort groß propagiert wie einen Gott: ICH. Es gibt kein Wort in den social media, das öfter erscheint: Ich. Wir sind eine Weltgemeinschaft von millionenfach vernetzten Einsamen Ichs. Du in deinem Channel, ich in meinem Feed. Wer hätte gedacht, dass die Matrix so schnell von Fiktion zu Realität werden würde? Wir sitzen in unseren selbstgebauten Blasen und lassen uns Pizza, Möbel, Informationen und das Leben liefern, während jemand im Gegnezug unsere Lebens-Energie aufsaugt.

Die neuen Monopolisten der grossen Gefühle

Aber wenn die großen Gefühle erst einmal weg sind, weil sie durch tausende kleine Befriedigungen ersetzt werden (“Hör ich da Lieferando?”), weiss eine ganze Gesellschaft nicht mehr, wofür sie morgens eigentlich aufsteht. So wird ein Volk zur Beute. Das ist keine Metapher, sondern die reale Entwicklung der letzten 15 Jahre.

Denn es gibt zwei Bewegungen, die sehr genau wissen, welche Leerstellen wir gelassen haben. Und sie füllen sie mit dem Selbstbewusstsein von Kolonisatoren.

Die eine ist der neue Rechtsradikalismus. Er kommt nicht mehr in Stiefeln und Bomberjacke, er kommt in weißem Hemd und mit sauberer Frisur und redet von Stolz, Würde, Zugehörigkeit. Er sagt jungen Incel-Männern, die in einsamen Kellern vor ihren Screens sitzen: Du bist Teil von etwas Größerem! Du hast eine Aufgabe! Du bist wichtig!

Und plötzlich glühen die alten, jungen Augen wieder.

Die andere ist der religiöse Extremismus. Er verspricht das gleiche, nur mit einem Jenseits als Zugabe. Sinn. Zugehörigkeit. Ehre. Stolz. Eine Mission, die wichtiger ist als das eigene Leben.

Und nein, das greift nicht nur bei Männern. Die Sinnsuche ist non-binary. Fanatismus ist nicht nur männlich. Erstaunlich viele junge Frauen sehen sich als berufen, als gesegnet, als beauftragt. Sei es, das deutsche Volk oder die Umma zu vermehren, den jeweiligen Mann zu bekochen und zu bedienen oder den jeweiligen Führer zu bejubeln. (Rund die Hälfte aller Trump-Anhänger sind übrigens Frauen).

Beide Bewegungen wissen etwas, was wir vergessen haben: Der Mensch braucht ein Größer-als-ich. Nicht als Nahrungsergänzung. Als Grundnahrungsmittel.

Und während wir uns über teure Schuhe unterhalten oder über den nächsten Städtetrip und über die Frage, ob Achtsamkeit oder Kaltbaden effektiver gegen Burnout wirken, ziehen diese Bewegungen unseren Kindern die Schuhe an, in denen sie dann ins Leben loslaufen.

Die Sache mit der Ehre

Ich weiß, das Wort schmerzt. Ehre. Es klingt nach Uniform, nach Endsieg, nach falschem Krieg. Nach allem, was wir zu Recht kritisch sehen.

Aber schauen wir kurz zurück, ohne Nostalgie. Das Römische Reich wurde tausend Jahre lang von einer Idee getragen, die auf Papier lächerlich klingt und in der Praxis eine Weltordnung aufgerichtet hat: Ein Römer sollte, wenn er stirbt, Ruhm für Rom erkämpft haben. Egal ob Legionär, Kaufmann, Baumeister oder Senator. Es ging nicht um ihn. Es ging um Rom … und um die Ehre der Familie (und ja, Ruhm war damals wirklich nur reine Männersache, obwohl Fama und Gloria ja Göttinnen waren).

Und es ging um Honos. Das “Honorar” ist eigentlich keine finanzielle Entlohnung, sondern die Würdigung bzw. Ehrung einer Leistung, die ohne direkten Eigennutz erbracht wurde. Die Senatoren nannten ihr Amt „Ehrenamt”. Weil es die Ehre war, der höchste Dienst, den ein Bürger leisten konnte.

Das Wort Ehrenamt haben wir noch. Aber das Ehren- davor spricht niemand mehr getrennt aus. Wenn du heute unbezahlt arbeitest, würdest du kein T-Shirt tragen, auf dem Ehre steht. Wenn du sagst “Ich mache das ehrenamtlich”, ist das fast schon peinlich, weil du anscheinend nicht in der Lage bist, Geld zu bekommen für deine Leistung.

Und in unserer Region? Die Sueben, die Bajuwaren, die Friesen - die Menschen, aus denen wir irgendwann geworden sind - hatten kein Wort für „Wohlstand” ohne das Wort „Ehre” daneben. Ein gutes Leben war eines, in dem man dem Stamm genutzt hatte. Nicht sich selbst. Gratis arbeiten hieß bei unseren Vorfahren nicht umsonst arbeiten.

Ehre, Stolz, Berufung. Ja. Wir misstrauen diesen Worten heute zu Recht. Wir haben sie zu Recht gewaschen, geprüft, zurückgehalten. Und heute ist ein Honorar einfach eine Kontobewegung. Aber wir haben sie zu lange in Quarantäne gelassen. Und in ihrer Abwesenheit sind wir kleiner geworden.

Es gibt übrigens eine dritte extremistische Bewegung, die uns noch mehr verführt als Islamisten oder Faschisten. Es sind die Nihilisten. Heute arbeiten Millionen Menschen gratis, indem sie viele Stunden ihres Lebens posten, kommentieren, liken, folgen. Nur, dass dieses “Ehrenamt” komplett ohne Ehre ist – und wirklich völlig umsonst und vergeblich….ausser für die Handvoll US- und China-Konzerne, die damit verdienen und unsere Welt zerstören. Wir akzeptieren eine Realität, in der Menschen bewundert werden, die für ihre digitalen Ego-Inszenierungen Millionen followers generieren. Das absolut ehrlose Ich wird gefeiert, nicht die Leistung für die Gemeinschaft, sondern die Grandezza des Einzel-Narzissten. Ca. 85% aller insta- und TikTok accounts sind Einzelpersonen, keine Netzwerke, keine Gruppen. Gemeinnützige Organisationen sind übrigens unter 1% und haben unterdurchschnittliche “Performance”. So sterben Gemeinschaften.

Vielleicht sollten wir wieder mehr in Richtung Germanen und Römer schauen. Oder in Richtung Berlin.

Eine neue Form der Ehre

Also gut. Suchen wir uns neue Worte, wenn Ehre zu hart ist. Oder halten wir es aus, das alte Wort wieder in die Hand zu nehmen. Vorsichtig, gewaschen, entkleidet vom Missbrauch? Nennen wir es Berufung. Nennen wir es Bürgersinn. Nennen wir es, wie wir wollen. Aber wir sollten das, was diese Worte einmal transportierten, aus dem Schutt der Geschichte ausbuddeln.

Ich rede nicht davon, für etwas zu sterben. Das wäre dumm. Wir haben genug Denkmäler mit den Namen von Menschen, die zu jung gestorben sind für Worte, die sie nicht verstanden haben.

Ich rede vom Gegenteil.

Ich rede davon, für etwas zu leben.

Ich rede von der Extrameile. Von der Stunde am Wochenende, in der du nicht dich selbst optimierst, sondern etwas, das größer ist als du. Von dem Anruf, den du machst, obwohl er dir nichts einbringt. Von der Sitzung, in der du Zeit an andere verschenkst, um Wirkung zu erzeugen. Von dem Projekt, das nicht in dein Portfolio wandert, sondern in das Leben deiner Stadt.

Nicht nur quatschen, sondern machen

Giada Armani und ich haben unsere Firma, unser Unternehmensnetzwerk, unsere Existenzgrundlage AusserGewöhnlich Berlin vor ein paar Jahren in eine gemeinnützige Stiftung überführt. Viele haben uns gefragt, warum wir das getan haben. Die Antwort: Nein, wir haben damit keine Steuern vermieden oder andere schlauen Vorteile gehabt.

Der einfache Grund ist: Honos.

Nicht die Ehre aus deinen Geschichtsbüchern. Sondern die Ehre, die man morgens im Spiegel spürt. Als Ehrenhaftigkeit. Wir wollen einfach das stolze Gefühl haben, dass wir an etwas mitarbeiten, das größer ist als eine Bilanz und länger dauert als ein Quartal.

Dieses Größere heißt für uns Berlin. Nicht die Stadt auf Google Maps. Die Idee. Das Gemeinwesen, das postkommunistisch, postkapitalistisch, postindividualistisch, post-allem ist. Diese unfertige, verheißungsvolle Ausnahmestadt. Diese ungezähmte Stadt, die immer noch die Menschen anzieht, die anderswo erschossen, weggesperrt, abgesondert oder ausgelacht werden. Diese Stadt, die seit 350 Jahren dieselbe Kernkompetenz hat und sie oft genug vergisst: die Kunst, aus Fremden Berliner zu machen.

Für dieses Berlin sind wir bereit, auf Dinge zu verzichten, die andere für unverzichtbar halten…gratis zu arbeiten, aber nicht umsonst.

Und wem das zu pathetisch klingt, dem sage ich es einfacher.

Das Gefühl, das sich nicht kaufen lässt

Stell dir vor, du stehst morgens auf, gehst aus dem Haus, und du weißt: An diesem Kiez, an dieser Weltstadt, hast du gestern mitgearbeitet und wirst heute wieder mitwirken. Ein Mensch mehr lächelt heute auf unseren Straßen. Eine Nachbarin, die gestern niemanden hatte, hat heute jemanden. Eine gute Idee, die vorgestern noch eine Idee war, wird morgen Wirklichkeit.

Stell dir vor, du liest die Zeitung, und die Feiglinge da draußen zeichnen mal wieder ein Untergangsszenario von Berlin, und zehntausend Menschen teilen es in ihren Threads; aber du sitzt nicht mehr machtlos davor, sondern du weißt: Ich arbeite daran. Ich bin mit denen, die Alternativen bieten. Ich kämpfe für Berlin.

Stell dir vor, du sitzt nicht mehr im Passagierraum, sondern im Cockpit des Berlin-Fliegers. Nicht als Konsument einer Wirklichkeit, die dir passiert. Sondern als jemand, der den Kurs mitbestimmt. In Richtung gute Zukunft von uns allen.

Es ist ein bisschen wie Superheld sein. Nur ohne Cape.

Wirst du bejubelt werden? Nein. Du wirst frustriert sein. Viele werden dich nicht verstehen. Manche werden dich für naiv halten, andere für arrogant, die meisten für seltsam. Wie viele Menschen in den letzten 20 Jahren haben Giada und mich kopfschüttelnd (und etwas mitleidig) angesehen, während sie ihre neuen Luxusautos bestiegen, um in den Sonnenuntergang in Richtung ihrer Villen zu fahren.

Du wirst dich fragen, warum du deine Zeit nicht in die elfte Staffel einer dummen Netflix-Serie steckst…statt in ein Projekt, das wieder nicht klappt, weil es zu idealistisch war.

Aber dann läufst du durch Berlin, und plötzlich sind die Menschen um dich herum keine Fremden mehr. Sie sind deine Mit-Berliner. Deine Alliierten. Die Leute, für die du morgens aufstehst. Du läufst wie ein anonymer Superheld in zivil durch die Stadt, die du jeden Tag zu retten versuchst. Und diese aggressive, chaotische, dysfunktionale Millionenstadt fühlt sich auf einmal an wie ein vertrautes Dorf. Dein Dorf. Nicht, weil die anderen sich verändert hätten. Sondern weil du aufrecht und stolz durch ihre Strassen schreitest- statt gebückt, wie viele anderen. Über diesen Stolz, diese Ehre.

Der Berlin Kodex

Und das ist exakt der Grund, warum wir den Berlin Kodex ins Leben gerufen haben. Es ist ein Versuch, aufzuschreiben, was das gemeinsame Leben in dieser Stadt eigentlich ist. Die ungeschriebene Hausordnung endlich sichtbar zu machen. Zehn Werten einer außergewöhnlichen Weltstadt die Ehre zu erweisen. Nicht als moralischer Zeigefinger, sondern als Angebot: Das sind wir. So halten wir es. Darauf sind wir stolz. Wer mitmachen will, ist willkommen.

Es ist ein Versuch, den Berlinern ihren Stolz zurückzugeben. Damit sie danach die Extrameile gehen. Damit sie sagen: Ich mache mit. Ich engagiere mich. Ich stehe, wo andere wegdrehen. Ich bin ehrgeizig für Berlin.

Und weil man das nicht nur predigen darf, sondern vorleben muss, arbeiten wir daran mit allem, was wir haben. Mit unseren Kontakten, unserer Erfahrung, unserem Geld, unserer Zeit. Nicht weil es sich rechnet. Weil wir wieder wissen, warum wir morgens aufstehen.

Weil es ehrenhaft ist, für dieses grosse Etwas zu wirken, das wir Berlin nennen.

Die Frage, die zählt

Zum Schluß bleibt nur eine Frage:

Was wäre deine Mission, wenn du nicht so egozentrisch und ängstlich wärst?

Diese Frage tut weh. Sie soll wehtun. Denn deine Antwort ist es, die uns noch fehlt.

Berlin wartet auf deine Antwort. Berlin wartet nicht auf einen Retter. Berlin wartet auf ein Netzwerk von Menschen, die aufhören, im Passagierraum zu sitzen. Die aus dem Bett steigen und wissen: Heute bewirke ich etwas.

Vielleicht ist es Zeit, die alten Worte wieder anzufassen. Ohne Uniform. Ohne Pathos. Nur mit einer stillen Entschlossenheit im Bauch. Und wenn dir das Wort Ehre zu schwer ist, dann nenn es meinetwegen einfach: das gute Gefühl, gebraucht zu werden für etwas, das größer ist als du. Deine Berlin-Berufung.


Wer mitmachen will, findet unter berlin-kodex.de den Anfang. Der Rest ist eine Frage der Extrameile.

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